27 Aug. 22 – Mähfreier Herbst?
27. August 2025
Mähfreier Herbst?
Nach all den Recherchen für mein Buch „Die Blumenwiese, das Fingerkraut und die Rettung der Welt“ (Link zum Buch) hatte ich nicht erwartet, zum Thema Mähen für Blühvielfalt und Insekten noch etwas völlig Neues zu erfahren. Doch hat mich das Video des Garten-App-Anbieters Gardify doch überrascht. Darin plädierte der Gartenexperte Frank Schroeder von der Gartenmanufaktur in Lindlar bei Köln dafür, nur einmal im Jahr zu mähen, und zwar im Februar! Auch wenn das Video schon einiges erklärt, hatte ich noch ein paar Fragen. Netterweise hat Frank noch am gleichen Abend mit mir telefoniert.
Frage: Wie bist du auf die Idee gekommen, schon so früh im Jahr zu mähen?
Franks Blumenwiese Anfang Juli
Fotos: Ausschnitte aus dem Video unten, Credit: Gardify
>> Hier geht es zum YouTube-Clip <<

Frank Schroeder: Es begann damit, die vielen Weinbergschnecken in der von uns bewirtschafteten Blumenwiese zu schützen – und die waren zunehmend früher unterwegs, oft schon Anfang März. Das liegt daran, dass sich die Vegetationszeiten verschoben haben: Die Winter sind insgesamt milder, und die Temperaturen werden früher im Jahr frühlingshaft warm. Man kann sich also nicht mehr blind an die alten Zeitangaben halten, sondern muss schauen, was tatsächlich los ist in der Natur und im Garten. Mit einer späteren Mahd als im Februar zur Schneeglöckchenblüte besteht die Gefahr, viele Tiere zu töten.
Du schaust zudem anders darauf, wie man mit der Mahd den Boden abmagert. Üblich ist die Sichtweise, einen „fetten“ – also Stickstoff-reichen – Boden öfter zu mähen und das Mahdgut abzuräumen, um ihm die Nährstoffe zu entziehen, die er zuvor in das Wachstum der Pflanzen investiert hat. Wie siehst du das?
Der genannte Weg funktioniert zwar, kann aber lichthungrige Untergräser fördern. Sie bilden mit Ausläufern und bodennahen Blättern eine sehr dichte Grasnarbe, in der kaum etwas Anderes wächst, weil die Samen zu wenig Licht bekommen und nicht keimen können.
Wenn man dagegen nur einmal im Jahr den Bewuchs entfernt – eben im Februar – dann passiert Folgendes: Im Herbst und Winter kippen die Pflanzen irgendwann um und bedecken den Boden, so dass wenig Licht durchdringt. Zugleich wird die Erde von den Bakterien abgemagert, indem sie das Pflanzenmaterial zersetzen. Früher wäre das nicht sehr effektiv gewesen, weil die Temperaturen dafür über 4 Grad liegen müssen, aber inzwischen haben wir das auch im Winter oft genug. Der Effekt kommt dadurch zustande, dass die Zersetzung von organischem Material ein bestimmtes Verhältnis von Kohlenstoff zu Stickstoff braucht, nämlich 20:1. Bei den Stängeln der umgefallenen Blumen liegt das sogenannte C:N-Verhältnis aber eher bei 70-150:1. Das heißt: Die Bakterien müssen dem Boden Stickstoff entziehen, um ihre Arbeit machen zu können.
Wirkt man damit auch der unerwünschten Düngung aus der Luft entgegen?
Ja. Vor allem durch die Überdüngung in der Landwirtschaft, zum Beispiel mit Gülle, regnet Stickstoff aus der Luft in erheblichen Mengen auch auf Flächen herunter, die eigentlich mager bleiben sollen. Und je stickstoffreicher einer Fläche ist, desto mehr verdrängen einige wenige konkurrenzstarke Arten die bunte Vielfalt.
Könnte man auch im September mähen und das Mahdgut liegen lassen?
Nein, das hätte für die Insekten nicht den gleichen Effekt, für sie sollte man die Pflanzen so lange stehen lassen wie möglich. Im Februar ist dann oft gar nicht mehr viel zu mähen, es ist eher ein Abrechen der Fläche. Das Material muss dann trocken und luftig gelagert werden, damit sich eventuell vorhandene Larven noch entwickeln können. Allerdings bin ich gar nicht sicher, ob das wirklich so viele sind, wie immer gesagt wird – das will ich demnächst systematisch untersuchen. Als ich mir mal Zeit genommen und wirklich gründlich nach Eiern an Stängeln gesucht habe, war da praktisch nichts.
Das Beweiden der Wiesen und das Mähen für Heu hat die große Artenvielfalt der Blumenwiesen erst hervorgebracht. Es hielt den Boden mager und bremste dadurch die ausbreitungsstarken Arten aus. Was hat sich –abgesehen vom Stickstoffeintrag über die Luft – noch verändert, dass die traditionellen Mahdtermine heute wenig sinnvoll sind?
Zum einen sind es die schon erwähnten verschobenen Vegetationszeiten, die es erforderlich machen, sich an phänologischen Phänomenen zu orientieren. Für die Frühsommer-Mahd wäre das zum Beispiel der Zeitpunkt, wenn sich bei der Wiesenmargarite die Samen ausstreichen lassen.
Doch der wichtigste Unterschied liegt darin, dass es uns – im Gegensatz zu den damaligen Bauern – vor allem darum geht, die Insektenpopulationen zu erhalten. Und da ist die Art und Weise wie heutzutage gemäht wird, praktisch immer katastrophal. Viele Mähgeräte töten bis zu 80 Prozent der Tiere direkt, und den Überlebenden wird auf einen Schlag ihre Nahrungsgrundlage und ihr Lebensraum genommen. Die Geschwindigkeit, mit der heute riesige Flächen gemäht werden können, ist ein wichtiger Faktor, warum die Insekten aussterben. Ich habe schon vor herrlichsten, buntesten Blumenwiesen gestanden, auf denen kein einziges Insekt unterwegs war – abgesehen vielleicht von Honigbienen, aber die zählen als Haustiere in diesem Zusammenhang nicht.
In meinem Garten mähe ich mit der Sensensichel nur da, wo es gerade nötig ist und wenig blüht. Da steht also immer was hoch – hilft das?
Schon, aber da ist immer noch der Glaube, dass man mähen „muss“ und das sollte man hinterfragen. Wir brauchen Flächen, auf denen gar nicht im eigentlichen Sinn gemäht wird, sondern die auf andere Weise mager werden und bleiben.
Eine extensive Beweidung funktioniert offenbar auch in diesem Sinn.
Ja. Übrigens eine kleine Warnung an alle, die eine Pflegeumstellung auf meine Methode machen wollen: Es kann sein, dass erst mal viel Gras da ist und es unschön aussieht. Das muss man ertragen können, wenn es langfristig funktionieren soll. Wenn die Gräser dann absterben und Lücken entstehen, wäre mein Rat, dort nicht einzusäen, sondern Initialpflanzungen mit Wildstauden zu setzen.
>> Mein Fazit: Das ist auf jeden Fall etwas, das ich mal ausprobieren und beobachten werde.
