41 – Waldrätsel gelöst
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41 – Waldrätsel gelöst

25. September 2026

Ein Waldrätsel gelöst – oder:
So wichtig sind Dungkäfer!

Schon lange hat mich eine Frage beschäftigt: Warum findet man von den hübschen blau-schwarz-bunt schillerndenWaldmistkäfern (Anoplotrupes stercorosus) zu manchen Zeiten so viele, die entweder schon tot auf den Waldwegen liegen oder auf dem Rücken strampelnd arg kämpfen? Fehlt ihnen Regen? Schaffen sie es nicht über die breiten und oft geschotterten Wege? Sind sie von einem Parasiten befallen, der sie zu seltsamem Verhalten zwingt? So was gibt es! Ich fand keine Antwort darauf, und selbst einem Insekten-Experten in einem Waldpodcast ging es nicht anders.

Doch dann wurde ich auf den Dungkäfer-Experten Patrick Urban aufmerksam gemacht, der auf Instagram unter @dungbeetle.patrick unterwegs ist und die Seite dungkaefer.de betreibt. „Wenn er die Antwort nicht weiß, dann keiner”, dachte ich. Er wusste sie und verriet sie mir in einem Telefongespräch, das schon bald sehr spannend wurde. Dungkäfer sind nämlich viel wichtiger für die Stabilität von Ökosystemen, als den meisten Menschen bewusst ist – und auch ich habe noch einiges dazugelernt.

Patrick Urban, Entomologe am LWL-Museum für Natur-
kunde mit Planetarium in Münster

Frage: Du kannst mir bestimmt sagen, was da los ist bei den Waldmistkäfern?
Patrick:
Ja, die Antwort ist ziemlich simpel: Waldmistkäfer werden nur zwei Jahre alt und am Ende des Sommers haben viele ihren Lebenszyklus abgeschlossen. Kurz vor dem Tod verlieren sie typischerweise ihr inneres Navigationssystem, deshalb liegen sie auf dem Rücken. Wenn man ihnen etwas Gutes tun will, indem man sie umdreht, hilft das nicht viel: Kurz darauf liegen sie wieder auf dem Rücken. Sie sind dann einfach am Ende.

Schade, dann hat es nichts genützt, dass ich sie immer ins Gras gesetzt habe. Wie bist du eigentlich darauf gekommen, dich auf Dungkäfer zu spezialisieren?
Die meisten Arten sind extrem ästhetisch mit tollen Farben und manchmal krassen Auswüchsen am Kopf oder am Halsschild. Außerdem haben sie eine der wichtigsten ökologischen Aufgaben: Dungkäfer sind, was Nährstoffversorgung sowie Samenverbreitung angeht, nicht wegzudenkende Partner der Pflanzenwelt. Die meisten denken, dass die Ausscheidungen der Tiere den Boden düngen würden, aber das tun sie nur, wenn es genug Dungkäfer gibt. Ohne sie wirken Fladen und Haufen sogar vergiftend auf die Vegetation. Wir sehen, dass ohne Dungkäfer die Vielfalt der Pflanzen in einem Gebiet drastisch sinkt – das kann von 200 verschiedenen Arten bis auf zwei runter gehen! Und dann leidet natürlich auch die Artenvielfalt der Tiere. Allgemein sind Dungkäfer trotz ihrer wichtigen Rolle im Naturhaushalt zurückgegangen.

Woran liegt das?
Es hat viele Ursachen. Neben dem, was allen Insekten zu schaffen macht – Versiegelung des Bodens, Monokulturen und Pestizideinsatz in der Landwirtschaft – ist es der Verlust von draußen weidenden Tieren, und zwar auf strukturreichen Flächen. Und wenn Tiere draußen weiden, werden sie meist prophylaktisch entwurmt. Das ist ein Riesenproblem, weil sie die Arzneiwirkstoffe mit dem Kot ausscheiden und diese auch für viele Insekten tödlich sind. Selbst wenn diese nicht sofort umkommen, können zum Beispiel Dungkäfer so geschädigt werden, dass sie entweder keine oder missgebildete Nachkommen zeugen. Das Ergebnis ist in beiden Fällen, dass die Population zusammenbricht.

Das Thema prophylaktische Entwurmung und vorbeugende Behandlung gegen Zecken und Flöhe ist ja auch im Garten interessant, wo Katzen ihre Geschäfte machen. Bei meinen Tieren habe ich das nicht gemacht, weil mir unwohl dabei war, sie regelmäßig mit so potenten Mitteln zu behandeln, ohne dass ein Grund vorliegt.
Zurzeit wird daran geforscht, inwiefern die auf dem Markt üblichen Entwurmungsmittel auch den Wirbeltieren, denen sie verabreicht werden, zusetzen können. Bei einigen Tieren, wie beispielsweise einigen Hunderassen, Schildkröten und Katzen, können die Wirkstoffe ins Gehirn gelangen und zum Tode führen. Übrigens ist ein gewisses Maß an Parasiten im Darm eines jeden Wildtieres völlig normal. Das Immunsystem eines gesunden Organismus muss trainiert werden, was durch derartige Parasiten definitiv geschieht. Im humanmedizinischen Bereich ist es mittlerweile üblich, beispielsweise Morbus-Crohn-Patienten mit bestimmten Fadenwürmern (Nematoden) zu infizieren, um dem Immunsystem Starthilfe zu geben. Zum Problem werden Parasiten dann, wenn sie überhand nehmen, weil das Tier geschwächt oder gestresst ist. Dann ist eine Behandlung natürlich richtig und wichtig. Idealerweise isoliert man das Tier währenddessen und entsorgt die Ausscheidungen.
Übrigens: Auf einer Weide mit intakter Dungkäferfauna ist die Parasitenbelastung viel geringer!

Kann man als Besitzer einer Weide etwas für die Dungkäfer tun?
Ja, Struktur reinbringen. Es sollte feuchte und trockene Stellen geben, magere Bereiche – dort muss man den fetten Oberboden abziehen und zum Beispiel mit Sand auffüllen. Außerdem die Stellen offen lassen, wo sich die Tiere wälzen. Diese sandigen, vegetationsarmen Stellen können richtig heiß werden, aber manche Arten mögen genau das. Die tatsächlich ausgewählten Maßnahmen sollten allerdings zum Umfeld des beweideten Bereiches passen. Man sollte nicht versuchen, Feuchtstellen in die „Wüste“ zu bauen, im Gegensatz dazu auch keine Feuchtwiesen zu Trockenhabitaten umstrukturieren.